BR5 Kulturnachrichten, 17.10.2014

Sprachlose Gegenstände stoßen uns an – Nachdenken über Theodoros Boulgarides
Interview zur Ausstellung mit Hannah Maischein

Anmoderation von Astrid Mayerle

„Seit beginn des NSU-Prozesses im Mai 2013 konzentriert sich die Öffentlichkeit vor allem auf die Täter. dem möchten fünf Projekte der diesjährigen Westendstudios (Eröffnung Freitag Abend, 17.10.14) etwas entgegenhalten, indem sie sich mit der Geschichte von Theodoros Boulgarides auseinandersetzen. der Grieche hatte in der Trappentreustraße 4 einen Schlüsseldienst und wurde am 15. Juni 2005 von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen – das 7. Opfer der NSU.

Das ganze Wochenende über lädt der visuelle Gestalter Wolfgang Gebhard die Besucher ein, mit einem mitgebrachten Foto an der Installation „ich bin: Theodoros Boulgarides“ teilzunehmen. am Sonntag Abend führt die Performerin Helga Seewann einen Trauertanz in der Kirche sankt Paul auf und der interkulturelle Verein „buntkicktgut“ widmet Sonntag Mittag dem Hobbyfußballer Boulgarides einen Gedenkspieltag. Astrid Mayerle traf sich mit der Historikerin Hannah Maischein, die gemeinsam mit der Künstlerin Regina Weiss im Westend auf Spurensuche von Theodoros Boulgarides gingen.“

zum Interview:




Der Tagesspiegel / Kultur (Online-Ausgabe), 15.9.2014

Kommunale Galerien bei der Berlin Art Week – Kunsträume aller Bezirke, vereinigt euch!
Berlins Kommunalen Galerien machen mit einem Aktionsbündnis während der Berlin Art Week auf sich aufmerksam. Sie wollen die Kunst im Kiez
von Anna Pataczek

Samstags ist Flohmarkt auf dem Leopoldplatz in Wedding. Und vielleicht hat Silke Koch dort oft in den Ramschkisten gewühlt, auf der Suche nach Plastikschalen, Keramikvasen, Thermoskannen und Eierbechern im Design der 60er und 70er Jahre. Die Künstlerin baut diese Haushaltsutensilien zu futuristisch-nostalgisch anmutenden Modellraketen zusammen. Zwei ihrer „Figures After Gravity’s Rainbow“ sind zur Zeit nur wenige Meter vom Leopoldplatz in der Galerie Wedding ausgestellt. Der Kunstraum des Bezirks hatte Künstler, die im Kiez leben oder arbeiten, aufgerufen, Arbeiten einzureichen. 30 wurden ausgewählt, unter ihnen die 1964 in Leipzig geborene Silke Koch. Auch Zurab Bero mit seiner poetischen Rauminstallation „Salt Circle“ fällt auf. Er hat ein Rund aus Salz auf dem Boden verteilt. So wie der Kreis keinen Anfang und kein Ende hat, so ist das Salz für den 1982 geborenen Georgier ein Symbol für einen Kreislauf. Denn es ist lebensnotwendig, kann aber auch zur tödlichen Dosis werden.

Aktionsbündnis “KGB” auf der Berlin Art Week:
Für die Kommunalen Galerien ist vor allem Aufmerksamkeit lebensnotwendig. Deshalb haben sich dreißig, unter ihnen auch der Raum in Wedding, zum Aktionsbündnis „KGB“ zusammengeschlossen. Erstmals tritt es nun im Rahmen der Art Week mit einer Aktionswoche in Erscheinung. Es gibt Ausstellungen, Rundgänge, Performances und Workshops. Am Samstag (20.9.) werden vierstündige Bustouren auf drei verschiedenen Routen angeboten, die einzelne Adressen ansteuern, von Reinickendorf über Pankow, Marzahn, bis Zehlendorf und Treptow-Köpenick. Parallel eröffnet im Kunstquartier Bethanien eine Ausstellung mit Matthias Beckmann, der alle Kommunalen Galerien mit dem Zeichenstift festgehalten hat. Quasi als Finale. So verteilt sie auf dem Stadtplan liegen, so unterschiedlich sind auch die Ansätze. Während Wedding also die Künstler aus dem Mikrokosmos Kiez hineinholt, widmet sich etwa die Galerie im Neuköllner Körnerpark dem Makrokosmos. Es geht ums Universum und die Entstehung von Leben und Urmythen. Christine Jackob-Marks lässt in abstrakter Malerei und kräftigen Farbschichtungen Galaxien auf Leinwand entstehen. Ulrike Mohr installiert von der Decke herab einen Regen aus schwarzen Holzkohlestücken. Sie hat die Äste selbst geköhlert und verweist damit auf die mikrobiologischen Prozesse der Erde. Die thematische Klammer der Schau „Es werde Licht“ ist ambitioniert, aber auch groß, und so entsteht am Ende mit Beiträgen von vier Künstlern ein wässriger Gesamteindruck.

Themen mit Bezug zum Neuköllner Leben:
Fußläufig entfernt wird die Galerie im Saalbau auf der Karl-Marx-Straße ihrem Anspruch gerecht, gesellschaftspolitische Themen mit Bezug zum Neuköllner Leben auszustellen. Eingeladen wurde die Fotografin Sabine von Bassewitz mit ihrer vielschichtigen Serie „Ordinary City“. Sie hat Menschen im Bezirk porträtiert und Blickwinkel gefunden, die Klischees reproduzieren, andere unterwandern sie. Da sind ältere Damen zu sehen, die vor einem dörflich wirkenden Gartenzaun in Rixdorf stehen, junge Hipster, die auf einer Dachterrasse den Sonnenuntergang betrachten, arabische Männer, die in der Shisha-Bar mit Deutschland-Spaßmütze auf dem Kopf die Fußball-WM verfolgen und vor Aufregung die Zunge im Mundwinkel stecken lassen.

Ebenfalls Dokumentarisches bietet der Projektraum Alte Feuerwache in Friedrichshain. Umgeben von den DDR-Bauten aus den 50er Jahren rund um die Karl-Marx-Allee ist hier der richtige Ort für die sehr sehenswerte Schau „Lieber Anton, lieber Ernst“ der beiden Berliner Künstlerinnen Anja Majer und Regina Weiss. Sie haben fotografisch Bilanz gezogen: Was wurde aus den antifaschistischen und sozialistischen DDR-Denkmalen in Berlin und Brandenburg? Manche Bilder zeigen, dass alle Spuren beseitigt wurden und geplättete Parkplätze übrig blieben. Andere Gedenktafeln verschwinden zwischen McDonalds und Bahnhofstrubel.

Mehr Kultur im Kiez:
Alle Kommunalen Galerien sind den Bezirken unterstellt und sollen die Kultur im Stadtteil fördern. Sie machen Bildungsarbeit und sind häufig diejenigen, die Nachwuchskünstlern eine erste Öffentlichkeit verschaffen. Allerdings unter Mühen. Weil die Bezirke sparen müssen, sind die Leiter gefordert mit kleinem Budget auszukommen. Gleichzeitig schwindet die Bedeutung der städtischen Kunsträume, denn sie müssen sich inzwischen die Aufmerksamkeit mit Museen, hunderten von kommerziellen Galerien und privat geführten Projekträumen teilen. Zur Art Week nun buhlen alle um die Gunst des Publikums. Die Kommunalen Galerien wollen sich dabei als Orte der Vielfalt positionieren.


Radio RBB-Kultur, 21.8.2014

Beitrag zur Ausstellung _Lieber Anton, lieber Ernst – Zur Gegenwart von Denkmälern der DDR
von Michaela Gericke

http://mediathek.rbb-online.de/kulturradio/ausstellung-in-berlin-zur-gegenwart-von-ddr-denkmaelern


Dresdner Neueste Nachrichten, 8.7.2013

Schöne alte Quasi-Welt
“Simulacrum City” thematisiert Duplikate
von Michael Ernst

Im Dresdner Ausstellungsraum bautzner69 ist es nicht ungewöhnlich, dass Ortsfremde nach Pfunds Molkerei fragen. Schliesslich befindet sich das Touristenziel mit den so bunten, wie berühmten Fliesenwänden ganz in der Nähe. Die aktuelle Ausstellung verbindet beide Räumlichkeiten sehr originell: Während in der Bautzner 79 wie eh und je der Handelsraum feiner Milchprodukte bestaunt wird, gibt es bei bautzner69 ein temporäres Duplikat der Molkerei. Der erste Eindruck aber trügt: Nichts entspricht dem Original, verdutzt stellt man fest, wie rasch allein die pure Ähnlichkeit für das tatsächliche genommen wird.

Das in Berlin lebende Künstlerpaar Regina Weiss und Benno Hinkes (beide Jahrgang 1975 und ehemalige HfBK-Studenten bei Martin Honert) wollte mit dieser Installation aber mehr als nur einem touristischen Gegenstand zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Unter dem Titel “Simulacrum City” sollen Simulationen, Abbilder thematisiert werden, die uns im heutigen Alltag mehr und mehr begegnen. Ob die geschichtsklitternde Bebauung auf dem Dresdner Neumarkt, ob die sinnfreie Wiedererrichtung des Berliner Schlosses – in vielen Städten wird auf Rekonstruktionen gesetzt, um sich der Konfrontation mit wirklich Neuem und Ungewohntem zu entziehen. Braunschweig, Frankfurt am Main, Potsdam – die Liste ist lang.

Regina Weiss und Benno Hinkes greifen diesen Trend spielerisch auf, um ihn in Frage zu stellen. Im Stile von Souvenirläden sind in der Schau Bastelbögen, Kaffeetassen und Postkarten präsentiert, die Abbilder von “Simulacrum City” wiederholen. Man kann die Fassaden des Neumarkt-Fakes darauf erkennen und könnte sie nachbauen. Könnte, wenn sie denn wirklich käuflich wären. Aber auch dieser raffiniert erzeugte Anschein ist nur ein Mittel zum Zweck.

Als dritter Baustein in dieser von der raumhohen Molkerei-Adaption dominierten Ausstellung werden die deutschlandweiten Bausünden nostalgischen Nachahmens auf einem Computerbildschirm dargestellt. All die auf historisch getrimmten Fassaden, hinter denen die Langeweile des Trockenbaus steckt, ob nun schon realisiert oder noch in der Planung, sie geben ein Bild von der schönen alten Quasi-Welt. Was wäre, wenn? “Simulacrum City” provoziert viele Fragen.


Sächsische Zeitung, 1.7.2013

Künstliche Realitäten
Regina Weiss und Benno Hinkes haben “Pfunds Molkerei” nachgebaut
von Katja Dannowski

Anknüpfend an ihre langjährige Auseinandersetzung mit Architektur im städtischen Raum, widmen sich Benno Hinkes und Regina Weiss auch in ihrer jüngsten Arbeit der gebauten Umwelt. Ausgangspunkt ihrer Installation ist der, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Ausstellungsraum gelegene, berühmte Laden der Pfundschen Molkerei – ein beliebtes Uiel von Reisebussen. Die bereits 1891 eingerichtete Verkaufsstelle in der Bautzner Straße 79 ist auch heute noch für ihre handbemalten Keramik-Fliesen bekannt. Doch ist die Schönheit der Einrichtung vor lauter Menschen oft kaum noch wahrnehmbar, erstickt der Tourismus die Kultur. Von dem Begriff “Simulacrum” (lat. simulo, Abbild, Nachbildung, Gleichnis) des französischen Medientheoretikers und Philosophen Jean Baudrillard ausgehend, erschafft das Künstlerpaar im Ausstellungsraum ein Duplikat von Pfunds Molkerei. Die begehbare Computervisualisierung reflektiert in ihrer Kulissenartigkeit ein architektonisches Prinzip der Rekonstruktion, das gegenwärtig nicht nur in Dresden, sondern auch in anderen Städten Deutschlands, wie Berlin oder Potsdam seine Anwendung findet. Hier wie dort werden durch Wiederherstellung verlorener innerstädtischer Bauten nach vermeintlich “historischem Vorbild” künstliche Realitäten erzeugt, die nicht selten einer verklärenden Nostalgie geschuldet sind. Die Installation rückt Fragen nach Aktualität, Ziel und Inhalt einer solchen Rekonstruktion in den Mittelpunkt. Was ist, wenn das “Simulacrum” unter Ausschluss von Geschichte selbst zur geschönten Wahrheit wird, um das Image einer Stadt aufzuwerten und so zu einer referenzlosen Werbeschablone verkommt?


Artisttik Africa, 11/2012

Biennale Regard Bénin 2012 – Porto Novo installe sa Biennale

Une équipe réduite du Centre Culturel ArtisttikAfrica a accompagné ce dimanche M. Ousmane Aledji et Julien Vignikin dans la ville de Porto-Novo, partis à la rencontre des artistes plasticiens oeuvrant à la mise en place locale de la Biennale Regard Bénin. Après s'etre entretenu avec l'Association des Plasticiens de Porto-Novo (APP), M. Aledji et Stephan Köhler, respectivement directeur et commissaire de la Biennale ont visité l' imprimerie nationale de Porto-Novo. La visite de la capitale administrative s'est ensuite achevée au centre culturel Ouadada, en la présence de Gérard Bassalé.

Au musée Adandé de l'ethnographie africaine, M.Aledji a convenu avec les membres de l'APP des endroits où seront présentes les futures installations pour la Biennale. Cinq artistes, dont le sculpteur Philippe Zountègni, se sont entendus pour désigner divers espaces accessibles au public et visibles par le plus grand nombre. En ces lieux s'éléveront les oeuvres du collectif APP, imaginées autour du thème << Assainissement en partage>>.

La visite s'est poursuivie dans les locaux de l'ancienne Imprimerie Nationale de Porto-Novo où différents artistes de nationalités variées s'attèlent à concrétiser, sous l'égide de M. Köhler, le projet Take, Take, Take and…? Un environnement choisi avec soin qui s'accorde avec les messages véhiculés par les installations des artistes.

Ainsi, la chilienne Maya Guerrero, venue au Bénin pour coordonner le travail du cubain Carlos Garaicoa. Initialement destiné à une exposition en Chine, les journaux que ces deux artistes reconstruisent évoquant la censure at la violence des communications. Assemblés à partir de coupures d'articles du monde entier, ces nouvelles maquettes expriment la radicalité éditoriale qui décide de ce qui doit être dit et de ce qui doit être pensé. Une mise en forme de l'information qui vient interroger l'existence de la presse écrite.

Ensuite, la dimension subversive de l'image, dimension qui se démultiplie avec les puzzles photographiques de Daphné Bitchatch, où des textes d'archives se superposent à des clichés de guerres pour souligner les paradoxes des existences. L'espace devient une modulation sous forme de radiographie-fenêtres, passerelle vers une nouvelle information picturale, questionnant les sens et la responsabilité de la photographie sous le titre << _Je ne suis pas moi, le cheval n'est pas moi_>>.

La vision commune – ou son absence – est également apostrophée. Car, Regina Weiss et Benno Hinkes connaissait peu de choses sur le Bénin, sur la Biennale et sur la facon dont se déroulerait leur séjour. Cette absence d'information a donc fourni le thème pour Pavillon Visionnaire, oeuvre collective exprimant à la fois les lacunes dans la connaissance et les difficultés à agir ensemble. Une conceptualisation de ce que nous projetons sur les autres, de ce que nous ne savons pas mais pensons savoir et finalement de ce que nous parvenons à partager.

L'oeil philosophique de Tara Mahapatra s'est quant à lui accaparé de bribes de réalité pour enfanter de Green Sequence Trilogie, un triptyque politique et esthétisé qui mélange dessin et image vidéo. Electro Magnetik Dreams et Always Elsewhere, deux éléments extirpés de cette trilogie seront présenté à l'occasion de la Biennale Regard Bénin 2012. Le premier évoque le corps moléculaire selon Deleuze tandis que le second s'attarde sur le passage du temps, immunable et toujours renouvelé.

Mais c'est dans le jardin de l'imprimerie qu'a pris fin cette visite, faceà l'oeuvre de Théodore Dakpogan, incorporée à un ancien puits. Cette collision entre l'eau et les communications peut se résumer avec << Allô? A l'eau>>.

Après la visite del'imprimerie, M. Aledji et M. Vignikin ont rencontré M. Gérard Bassalé, le directeur de l'association culturelle Ouadada. Ce dernier ayant confirmé sa participation à la Biennale puisse profiter du lieu charmant et accueillant que constitue son centre culturel.


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.6.2012

Kuratoren für die Kommunikation – die hohe Kunst der Banken
In den Bankentürmen regiert nicht nur das Geld. Viele Häuser beschäftigen eigene Kuratoren, die mit Kunst die Kommunikation der Mitarbeiter ankurbeln sollen.
Von Corinna Budras

Hannes Glock steht im fünften Stock des Commerzbank-Hochhauses „Galileo“ und ist schlicht entzückt. Mit verschränkten Armen starrt der Kurator auf zwei Beinpaare ohne Oberkörper und Kopf, als hätte er die Skulptur „Kulisse“ von Christine Schiewe im Konferenzbereich der Bank zum ersten Mal entdeckt. Dabei kennt er sie in- und auswendig. „Das ist sehr charmant“, schwärmt er in der unnachahmlichen Tonlage eines Kenners und zeichnet mit ausladenden Bewegungen in der Luft die Konturen nach. „Es hat einen eigenen, feinen Witz.“

Seine Kollegin Beate Schlosser von der Commerzbank-Stiftung ist ähnlich begeistert, doch sie drängt es zu einem großflächigen Foto der Künstlerin Regina Weiss, das eine Kampfszene zeigt. Auch Beate Schlosser erläutert mit Hingabe und großen Gesten das Bild, erklärt die Hintergründe, beschreibt die Entstehung. Eines ihrer Lieblingsbilder in dem Hochhauskomplex, keine Frage. Ein Mann im dunklen Anzug und Schlips wartet auf seine Besprechung und blickt etwas irritiert. Nicht auszuschließen, dass ihm gerade zum ersten Mal dämmert, was für Schätze im Frankfurter Bankenviertel an den Wänden hängen.

Zwei Tage später, ein paar hundert Meter weiter in der 38. Etage der DZ Bank ergibt sich ein ähnliches Bild. Die Leiterin der Kunstsammlung, Christina Leber, ist voll in ihrem Element, die Begeisterung hat sie gepackt. Mit großen Schritten läuft sie auf ein bordeauxrotes Bild des amerikanischen Fotokünstlers Robert Barry zu, auf dem mit einigem Abstand betrachtet die Konturen eines Frauengesichtes zu sehen sind. Das Foto einer DZ-Bank-Mitarbeiterin, mit transparenter Tusche fast bis zur Unkenntlichkeit übermalt. Je näher man darauf zugeht, desto mehr verschwindet der Kopf, stattdessen werden Wörter sichtbar: „Waiting“ steht auf dem Bild. „Careful“ und „Detail“ auf einem anderen. Für die Kunsthistorikerin die perfekte Analogie zum Büroalltag. „Nähe und Distanz gehören zu den wichtigsten Komponenten der Kommunikation“, sagt Christina Leber.

Dann rückt sie mit einem Paradebeispiel in Sachen Mitarbeiterbindung heraus: Ein anderes Bild – diesmal ist es in Grün gehalten – zeigt einen ehemaligen Mitarbeiter, der über Jahre hinweg hier in der 38. Etage am Empfang saß, hinter sich sein eigenes Porträt, von dem amerikanischen Künstler Barry fotografiert und bearbeitet, von seinem Arbeitgeber bezahlt. Christina Leber beschreibt nicht, wie sich der Mitarbeiter all die Jahre mit dieser Wertschätzung im Rücken gefühlt haben muss. Sie verkneift sich den Hinweis, dass Mitarbeiter anderer Unternehmen jeden Morgen an der Ahnengalerie längst verflossener Vorstandschefs vorbeihetzen, während die Wände der Genossenschaftsbank acht zufällig ausgewählte Mitarbeiter zieren. Sie sagt nur: „Das Bild hätte er bei seinem Ruhestand gerne mitgenommen.“ Er hat natürlich einen Abzug bekommen.

Kunst und Kultur als Kommunikationsmotor
Außen Prestigeprojekt, innen Kommunikationsmotor – diese Mischung scheint nur Kunst und Kultur zu gelingen. Schon vor Jahrhunderten sind Bankiers in die Rolle der reichen Mäzene geschlüpft, haben Kunstwerke gesammelt und damit mehr oder weniger bedürftige Künstler unterstützt. Das ist auch heute nicht anders, doch lange Jahre haben Banken und Unternehmer gerne Stillschweigen über ihr Engagement gewahrt und in hausinternen Ausstellungen allenfalls ihre Mitarbeiter mit ihren Schätzen beglückt. Spätestens der weithin beachtete Umbau und die Eröffnung des spektakulären Erweiterungsbaus des Frankfurter Städel-Museums Anfang des Jahres hat das Engagement der Banken wieder in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Am Museumsufer spricht man ganz offen über die Schwächen der eigenen Sammlung, stolz verweist man auf die umfangreichen Dauerleihgaben aus dem Bankenviertel, die diese Lücken schließen. Die zeitgenössische Kunst im neuen Städel-Erweiterungsbau? Dank Leihgaben der Deutschen Bank ein Aushängeschild des Museums. Die Fotografie als aufstrebende Kunstrichtung? Ohne die DZ Bank quasi nicht vertreten.
Erst Anfang des Monats hat eine neue Stiftung des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK) das Licht der Kulturwelt erblickt. Das Stiftungsvermögen beläuft sich auf eine Million Euro und stammt aus einer Spende der Commerzbank aus dem Jahr 2010, als die finanzielle Lage der Bank eigentlich keine großen Sprünge zuließ. Das Geld floss aus dem Verkauf einer Plastik des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti. Das Kunstwerk hatte die Commerzbank nach dem ansonsten ziemlich missratenen Zusammenschluss mit der Dresdner Bank geerbt. 75 Millionen Euro spülte die Auktion in die Kasse der klammen Bank, ein Weltrekord. Damals übergab die Commerzbank dem MMK zusätzlich 17 Dauerleihgaben aus der Kunstsammlung der früheren Dresdner Bank, vier andere Museen in ganz Deutschland profitierten auch von Gemälden. „Mit den Dauerleihgaben konnten wir bei den Museen Lücken in bestimmten Sammlungsbereichen schließen“, sagt der Kurator Hannes Glock. Mit Spenden wolle man zudem nachhaltig die Bereiche Museumspädagogik und Restaurierung fördern. Und nun auch noch die neugegründete MMK-Stiftung: „Es schließt sich ein Kreis“, sagt er. „Damit haben wir vor zwei Jahren etwas angestoßen, das bleibt.“
Auch die DZ Bank hat etwas Bleibendes geschaffen, 6800 Kunstwerke von mehr als 600 Künstlern hat sie seit ihrer Gründung vor knapp zwanzig Jahren angeschafft. Damit gehört die Sammlung auf der ganzen Welt zu den größten ihrer Art. Der Bestand ist so üppig, dass er sich gar mit dem Städel messen kann: Das Frankfurter Museum hat mehr als 2900 Gemälde, 600 Skulpturen, 500 Fotografien und rund 100 000 Zeichnungen und Druckgrafiken. „Fotografie ist ein unglaublich demokratisches Medium“, betont Christina Leber – und deswegen geradezu prädestiniert für eine Genossenschaftsbank. „Fast jeder hat schon einmal fotografiert.“ Mit der Wahl, Fotos zu sammeln, hat die damalige Kunsthistorikerin Luminita Sabau ungewöhnlichen Weitblick bewiesen: Heute ist die Fotografie aus kaum einer zeitgenössischen Sammlung mehr hinwegzudenken. Ihre Vorreiterrolle begreift die DZ Bank deshalb auch als Aufgabe. „Wir legen Wert auf Vollständigkeit“, sagt Leber. Mit weiteren Ankäufen versucht die Bank alle Gattungen der Kunsttheorie abzudecken: Porträt, Landschaft, Stillleben, Stadtansichten, Interieurs und Konzeptkunst.
So rege ist das Kulturleben in Frankfurts Bankentürmen , dass eine Ausstellung die andere jagt. Die Commerzbank zeigt mehrmals im Jahr in ihrem zentralen Hochhaus am Kaiserplatz die Plaza-Schau. In der DZ Bank stellt die Leiterin Christina Leber mit ihrem Team von insgesamt fünf Leuten je Jahr 12 neue Etagenausstellungen zusammen, bei denen die Kollegen ein gewichtiges Wort mitreden. Längst vergangen scheinen die Zeiten, in denen die Kunstwerke ausschließlich die Vorstandsbüros in der obersten Etage zierten. Zu Hannes Glock kann jeder Mitarbeiter kommen, der seine weiße Wand mit einem Bild verzieren will. Dann verschwinden beide im Depot der Bank, in dem Tausende von Bildern aufbewahrt werden. Der Austausch mit den Kollegen ist so rege, dass Glock irritiert blinzelt, als er nach seiner Exotenstellung inmitten einer Welt von Collateral Debt Obligations und Swap-Geschäften gefragt wird. „Ich fühle mich hier in der Bank nicht als Exot“, sagt der Kunsthistoriker, der mit seiner modisch geschnittenen Brille optisch zumindest einen dezenten Kontrapunkt zum standardisierten Banker-Schick setzt. Er ist mit der Schnittstelle von Kunst und Wirtschaft ohnehin bestens vertraut. Glock hat Kunstgeschichte und Betriebswirtschaftslehre studiert. Er arbeitete beim berühmten Auktionshaus Sotheby’s, bevor er im Jahr 2005 vor dem Zusammenschluss mit der Commerzbank bei der Dresdner Bank einstieg.

Kunstworkshops für Kinder
Auch Christina Leber fühlt sich in der Genossenschaftsbank als fester Bestandteil der Belegschaft, betont sie doch gleich zu Beginn des Gesprächs, dass die Kunstsammlung vor allem gegründet wurde, um die Kommunikation im Hause zu fördern. Über die Jahre hat die Bank ihre Mitarbeiter immer wieder in Kunstprojekte eingebunden, die übermalten Porträts von Robert Barry sind nur ein Beispiel von insgesamt zehn. Im 26. Stock des DZ-Bank-Towers „Westend“ zieren Fotos der Münchner Künstlerin Tamara Grcic die langen Wände der Flure. Stillleben im Handelssaal der Genossenschaftsbank hat sie fotografiert, und die Motive erinnern an die Vielfältigkeit des Büroalltags. Auch nach Jahren ist Kuratorin Christina Leber sichtlich amüsiert von dem liebenswerten Chaos, in das die Kollegen ihren Arbeitsalltag einbetten: hier ein leicht lädierter Schokokuss in der Schublade, dort in Alufolie eingewickelte Stullen. Mal hängt der Mantel schief über dem Stuhl, mal liegt er sorgfältig zusammengefaltet auf dem Nebentisch. Im Großraumbüro reiht sich Schreibtisch an Schreibtisch, und jeder sieht anders aus.
Über die Ausstellungen im Haus, aber auch außerhalb fänden die Mitarbeiter immer wieder ins Gespräch, berichtet auch die Kuratorin Janina Vitale. Sie veranstaltet für die Kinder der DZ-Bank-Mitarbeiter in den Ferien Kunstworkshops. Diese Angebote sind so beliebt, dass sie meist binnen einer Stunde ausgebucht sind.
Ähnlich populär war auch die Fotoausstellung „Real“ 2008 im Städel. Vor der Ausstellung habe sie mit zwei Mitarbeiterführungen gerechnet, berichtet Leber. Am Ende waren es 56. Fast die Hälfte der insgesamt 3000 Mitarbeiter in Frankfurt haben sich die Ausstellung angesehen. Die Erinnerung daran verursacht ihr immer noch Gänsehaut. „Diese Erfahrung hat uns gezeigt, dass unsere Arbeit nach 15 Jahren angekommen ist.“


Kunstforum, Aktionen und Projekte, 10/2010

Lokalisation

Drei Monate lang inszenieren 19 Düsseldorfer Künstler ihre Arbeiten im öffentlichen Raum des Stadtteils Eller. Bis zum Jahresende 2010 führen sie ihr Projekt „Lokalisation” in vier Teilen durch. Mit ihren Beiträgen wollen sie „die Strukturen und Gruppierungen eines Systems reflektieren”.

Dabei dient ihnen der architektonische Begriff der „Nische” als Metapher: „Eine Nische bezeichnet eine Vertiefung in einer Wand… Nischen dienen entweder als Gestaltungsmerkmal, um eine Wandoberfläche optisch interessanter zu gestalten, oder als Raum für Möbel und Heizkörper… Diese bauliche Beschreibung kann auf Gesellschaft strukturierende Überlegungen übertragen werden. Auch jede Subkultur bekommt im gesellschaftlichen Kontext Nischen und Ecken zugeteilt. Es sind Räume in denen Gedankengut lagert und eingruppiert wird. Ethnische Gruppierungen in Städten finden sich in einer Nische an den Rändern der Hauptkultur wieder…”

Künstlerliste: Oliver Kunkel, Burchhard Garlichs, Joung-en Huh, Wiebke Grösch/Frank Metzger, Benno Hinkes / Regina Weiss, Friederike Mainka, Julia Steinmann, Michalis Nicolaides, Christian Keinstar, die Betonbar, Mark Pepper, Kai Rheineck, Sonja Meyer, Ulrike Kötz, Tine Bay Lührssen, Katerina Kuznetcowa/ Alexander Edischerow, Wanda Sebastian.


Kunstforum, Aktionen und Projekte, 21.01.2009

Palast der Moderne

Zu DDR-Zeiten entstand am Alten Markt in Potsdam ein Gebäude, das für die Lehrerfortbildung genutzt wurde. Ästhetisch erinnert es ein wenig an jenen bauklempnerisch anmutenden Funktionalismus, in dessen Stil die SED-Oberen auch den inzwischen abgerissenen Palast der Republik in Berlin gestalten ließen. Mit architektonischen Scheußlichkeiten hat freilich ebenso der Westen in den 1960er Jahren seine Städte zugebaut, in falsch verstandenem Modernismus und hemdsärmeliger Meuchelung des Bauhaus-Gedankens. Gleichwohl ist diese Architektur aus der Ära von Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy, Ludwig Erhard und Walter Ulbricht ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft und ihrer Befindlichkeiten, insbesondere, was das Verhältnis der heutigen Bürger zur Geschichte angeht. Dieses palastartige Gebäude in Potsdam lässt man nämlich systematisch verfallen, und für die beiden Berliner Künstlerinnen Regina Weiss und Katinka Theis ist diese ignorante Strategie ein Indiz für “den schwierigen Prozess im Umgang mit der Geschichte der DDR.” Während Spreewalder Gurken als regionale Spezialität mittlerweile bundesweit in den Supermärkten zu finden sind und auch auf rheinischen Künstlerpartys bisweilen schon mal “Rotkäppchen”-Sekt geschlürft wird, konservieren und rekonstruieren die Stadtplaner im Osten lieber Barockes und Wilhelminisches: Der “Verein Potsdamer Stadtschloss e.V.” z.B. führt derzeit eine Spendenaktion für “die Wiederherstellung der historischen Elemente am Brandenburgischen Landtag” durch. “Sozialistisch geprägte Architekturen” hingegen “negiere” die “Nachwendegesellschaft”, konstatieren die beiden Künstlerinnen. An der Fachhochschule Potsdam installierten sie daher ein Fassadenbanner, welches mittels Computersimulation das verfallende DDR-Gebäude in saniertem Zustand als “Palast der Moderne” wiedergibt: “Durch das Vorhaben das Stadtschloss in Potsdam (ähnlich wie in Berlin) wieder aufzubauen, schien aus der Sicht der beiden Künstlerinnen bezüglich des Umgangs mit Erinnerung und dem Entstehungsprozess von Geschichtsbildern, auch in Potsdam eine städtebauliche Entscheidung gefallen zu sein, die sich an den Werten einer nicht mehr vorhandenen Gesellschaftsform orientiert. Der Ansatz der Arbeit war, trotz der bereits gefallenen Entscheidung für den Abriss des Gebäudes auf die noch vorhandenen Spuren der jüngsten Geschichte zu verweisen, sowie die Frage nach einem zukunftsorientierten Umgang mit ihr aufzuwerfen” (Pressetext).


Potsdamer Neueste Nachrichten, 25.10.2008

Verkommen
Leserbrief von Dieter Lietz, Potsdam

Palast der Moderne, 23.10.2008
Als ehemaliger Angehöriger des Architektenkollektivs für den Gebäudekomplex “Bibliothek-Bildungszentrum” (jetzt FH) bedanke ich mich für das Foto mit der Computer-Simulation. Es gab mir die Möglichkeit, dieses geschmähte Gebäude und vernachlässigte Bauwerk doch noch in saniertem Zustand zu erleben – wenn auch nur als Fotomontage. Die Bezeichnung “Palast der Moderne” ist aber etwas hochgestochen und nicht ungefährlich. Werden doch “Paläste” aus dieser Zeit gerne abgerissen. Kritiker der DDR-Architektur sollten nicht vergessen, unter welchen finanziellen, bautechnischen und ideologischen Zwängen damals projektiert und gebaut wurde. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich behaupte nicht, dass es sich um ein Meisterwerk der Architektur handelt. Ich bin aber der Meinung, das jedes Bauwerk, das man derart vergammeln lässt, irgendwann zur “Notdurft-Architektur” verkommen muss. Dagegen wäre dieser Bau im sanierten Zustand bestimmt nicht schlechter als einige Postdamer Nachwende-Bauten. Einschließlich des in derselben PNN-Ausgabe vorgestellten neuen Finanzministeriums.


Frankfurter Neue Presse, 11.06.2008

Dresdner Bank zeigt Auswahl aus Kunstsammlung
(tba)

Frankfurt: Die Dresdner Bank zeigt erstmals öffentlich eine Auswahl aus ihrer Kunstsammlung. In der neuen Kunsthalle des Schokoladen-Unternehmers Roman Maria Koidl in Berlin-Charlottenburg (Gervinusstraße 34) sind unter dem Titel “Moves” bis Mitte August 16 Highlights aus Bank-Beständen zu sehen. “Mit der Ausstellung wollen wir unsere Sammlung bekannter machen”, sagt der Direktor Corporate Affairs der Bank, Michael Wedell.

Unter den gezeigten Arbeiten sind Werke von Alberto Giacometti, Max Ernst, Dan Flavin und László Moholy-Nagy. Auch von der Dresdner Bank geförderte Nachwuchskünstler wie Eberhard Havekost oder Franz Ackermann, beide inzwischen international äußerst bekannt, Mandla Reuter und Regina Weiss sind vertreten. Das verbindende Thema aller ausgestellten Werke ist der Mensch in seinem städtischen und globalen Umfeld. Eröffnet wird die Ausstellung von André Schmitz, Staatssekretär für Kultur in Berlin.

Koidl hat in Berlin die Ruine eines Gleichrichtwerks aus dem Jahr 1929 renovieren lassen. Das Konzept sieht eigentlich vor, dass sich in dem Raum Privatsammler vorstellen: “Das müssen Sie verstehen, zur Eröffnung wollte ich eine Referenz.” Und die Konkurrenz von der größten deutschen Bank ist mit der Ausstellungshalle Deutsche Guggenheim in Berlin bereits präsent.

Seit den 70er Jahren sammelt die Dresdner Bank Kunst (wie zum Beispiel auch die DZ Bank oder die Helaba) und unterstützt durch ihre Stiftungen junge Nachwuchskünstler.

Die 3000 WErke der Sammlung umfassen Malerei, Skulptur, Fotografie und Konzeptkunst. Parallel zur Berliner Ausstellung erscheint im Tre-Torri-Verlag (Wiesbaden) ein umfangreicher Katalog, der die gesamte Firmensammlung verzeichnet.